Evgenj Kozlov


Die Leningrader 80er im Werk von Evgenij Kozlov

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Die Epoche

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Evgenij Kozlov: Die achtziger Jahre in Malerei und Fotografie

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Zu Beginn der achtziger Jahre bahnt sich in Leningrad eine junge Generation ihren Weg, die einen radikalen Umschwung in den künstlerischen Ausdrucksformen herbeiführt. Der Begriff „neu“ wird aktionsbildend: das "Neue Theater", "Die Neuen Komponisten“, "Die Neuen Künstler“ oder einfach "Die Neuen“. Letztere versammeln ab 1982 die innovativsten und kompromißlosesten Künstler der Stadt, Evgenij Kozlov, Timur Novikov, Oleg Kotelnikov, Ivan Sotnikov, Sergej Bugaev, Inal Savtchenkov, Kirill Chazanovitch und einige andere. Da die Mitgliedschaft keinen formalen Kriterien unterliegt, ist die Liste Schwankungen unterworfen

Das wesentlich Neue an dieser Bewegung ist ihre expressive, direkte, selbstbewußte Sprache, die verschiedene schöpferischen Gebiete umfasst und kombiniert: Malerei, Musik, Performances, Happenings. Diese Kunst steht im Gegensatz zur Haupströmung der Untergrund-Kunst der siebziger Jahre, die noch deutlich zurückgezogener und traditioneller ist, sowohl in der Thematik als auch in der Präsenz. Die „Neuen“ treten nicht gegen das System an, sie ignorieren es einfach und erobern sich nach und nach die öffentlichen Territorien der Stadt, Ausstellungsräume, Kulturzentren, Konzerthallen. Berühmtes Beispiel sind die Auftritte der legendären „Pop Mechanika“, bei denen die „Neuen Künstler“ gemeinsam mit den Musikern von Sergej Kurjochin und „Kolibri“ auf der Bühne agieren, unterstützt von Ziegen, Hühnern und einem Pavian.

Die Aufbruchsstimmung zu Beginn der achtziger Jahre führt in Leningrad zur Gründung bedeutender Formationen, von denen einige heute in Rußland Kultstatus haben. Neben den erwähnten „Neuen Künstlern“, „Pop Mechanika“, „Kolibri“ sind dies vor allem die Rock-Bands „Kino“, „Strannye Igry“ und die Club-Musiker „Novye Kompository (Die Neuen Komponisten)“ mit Valeryj Alachov und Igor Verichev. Dabei sind Überschreitungen der künstlerischen Genres üblich: viele der bildenden Künstler treten mit den Bands auf, die Musiker malen.

Zum Sprungbrett für die internationale Anerkennung dieser Szene wird das Festival im Kulturpalast "Sverdlov" im April 1988; es folgen Ausstellungen in Museen und Kulturzentren Europas und den U.S.A.

Die allmähliche Individualisierung der künstlerischen Aktivitäten der "Neuen" einerseits, die Schaffung eines neuen Kunstbegriffs, dem "Neoakademismus' ", durch Timur Novikov - bis dato Theoretiker der "Neuen" - andererseits, leitet 1990 eine stille Auflösung dieser Gruppierung ein. Die weiteren Wege ihrer Protagonisten sind höchst unterschiedlich: von internationaler Präsenz bis zum Abschied aus der Kunstszene.

Die achtziger Jahre Leningrads zeigen sich speziell in der bildenden Kunst und Musik von einer Offenheit und Durchlässigkeit, die das sowjetische Gegensatzpaar "offizielle - inoffizielle Kunst" bedeutungslos macht. Der künstlerische Tonus jener Periode, vom crescendo zum furioso und patetico, erzeugt Werke,die mit ihrer vitalen Kraft dem internationalen Vergleich standhalten. Die Erfahrung der Bedeutung des individuellen Ausdrucks für die Gesellschaft einer neuen Zeit macht euphorisch. Die Lust, mit dem eigenen Wollen Maßstäbe zu setzen, verbindet sich mit der Weigerung, den schöpferischen Ausdruck dem Korsett eines "dafür oder dagegen" zu einzupassen. Hierin unterscheidet sich die Leningrader Szene von der älteren Moskauer Bewegung, dem Konzeptualismus, der sich im wesentlichen in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Bedingungen definiert. In St. Petersburg erfolgt eine partielle Ideologisierung erst wieder in den neunziger Jahren mit der Wiederbelebung einer alten Polarisierung in West- und Ostkunst, wo sie in der bildenden Kunst ein gewisses Echo findet, in erster Linie durch den bereits erwähnten Neoakademismus.

In zeitlichem Abstand gesehen dürften sich die Leningrader achtziger Jahre als fruchtbarste Periode der russischen Kunst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts herauskristallisieren. In ihrer Radikalität, Originalität und künstlerischen Kraft sind die „Neuen Künstler“ mit der russischen Moderne in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vergleichbar. Der Eingang zahlreicher Werke in wichtige öffentliche und Privatsammlungen läßt die Tendenz zu einer solchen Einschätzung erkennen.


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Wenn man das ausdifferenzierte, in viele Unterströmungen sich aufteilende künstlerische Leben der Leningrader Achtziger beschreiben will, so trifft man auf ein Symbol jener Zeit: "E-E", im Russischen ausgesprochen wie das Englische "Yeah-Yeah". Zusammen mit dem dem Schlachtruf "ASSA“, beide häufiger Bestandteil von Performances und Gemälden, drückt es die unmittelbare Präsenz der Künstler, ihre schöpferische Aggressivität, ihre Leichtigkeit bei gleichzeitiger Tiefe und ihre Verbindung zur Pop-Kultur aus. In diesem "E-E“ ist das ironische Pathos genau in der Dosis enthalten, die man in anderen Längengraden mit dem Begriff "coolness“ umschreibt. "E-E“ ist kein Stil, kein -ismus, sonderm eine Einstellung, die sich der Verwandschaft zu sämtlichen künstlerischen Ausdrucksformen bewußt ist und diese ganz selbstverständlich in ihrem eigenen Schöpfertum nutzt.

"E-E" wird der Rufname von Evgenj Kozlov, der diese Haltung in seiner Kunst absolut verinnerlicht.


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Der 1955 in Lenigrad geborene bildende Künstler Evgenij Kozlov nimmt innerhalb der "Neuen Künstler" eine besondere Position ein: ein bedeutender Teil seines gut dokumentierten Werkes der achtziger Jahre thematisiert die Künstler und ihre Zeit. Dies geht vom Porträt ("Timur Novikov mit Knochenhänden") zu komplexen figuralen Gruppen, bei der die Erkennbarkeit der Personen nicht mehr ohne weiteres gegeben ist (Anna Karenina I").

Wie erklärt sich dieses Interesse an der Darstellung seiner Zeitgenossen?

Ausschlaggebend dafür ist seine Wahrnehmung des Menschen. „Wenn ich einen Menschen von vorne sehe, sehe ich ihn gleichzeitig von hinten“, sagt er. Dies keine skulpturale, sondern eine geistige Wahrnehmung. Daher wird man bei ihm vergeblich die klassische Körperstudie suchen. Worauf es ihm vielmehr ankommt, ist den Augenblick zu entdecken, wo sich der Mensch in einem bestimmten Bick, in einer bestimmten Körperhaltung, Bewegung ausdrückt, die ihn individualisiert und auf sein eigentliches Wesen verweist.

So ist es nicht erstaunlich, daß die "reine Malerei", welche er als seine wesentliche Ausdrucksform betrachtet, durch die Fotografie ergänzt wird. Die Motive findet er in seinem engeren Umkreis. Und dies sind ab Anfang der achtziger Jahre die Protagonisten der Leningrader Kulturszene mit ihrem Reichtum an
schöpferischen Ausdrucksformen. In diesem Zeitraum entstehen Hunderte von Fotografien bei Performances, Konzerten, Happenings, Ausstellungen, Parties und Treffen in Wohnungen und auf der Straße.

Die Anwesenheit seiner Kamera wird als stimulierend empfunden. Mit ihr provoziert er das natürliche Talent der Künstler - das Spiel mit Gesten, Bewegungen, Interaktionen - kurz all das, was auch für seine Malerei wesentlich ist.
Als Gleicher unter Gleichen wird seine Anwesenheit nie als störend, sondern im Gegenteil als stimulierend empfunden. Es entstehen Porträt- und Gruppenaufnahmen von außergewöhnlicher Intensität.

Die Fotografien sind daher eigenständige Kunstwerke - ausgewählte davon aber auch Grundlage für einen weitergehenden künstlerischen Prozeß, der (idealtypisch) wie folgt beschrieben werden kann:

•1. Fotografieren einer speziellen Situation, z. B. spontanes Spiel der Künstler, hervorgerufen durch die Kamera.
•2. Entwickeln des Negativfilms, Auswahl einiger der Negative zur direkten Bearbeitung auf der noch feuchten Emulsion mit einem spitzen Gegenstand (Bleistift, Skalpell, Nagel): der geistige Raum um abgebildete Figur bzw. Figuren wird visualisiert.
•3. Die Fotografie wird vergrößert und anschließend farblich bearbeitet.
•4. Anschließend ensteht eine Arbeit auf Papier (Grafik), die Hauptelemente der überarbeiteten Fotografie aufnimmt.
•5. Mit der Grundidee dieser bzw. verschiedener Grafiken ensteht ein Gemälde. Bestimmte grafische Strukturen, wie zum Beispiel Schraffuren von Farbstiften oder kontrastreiche Linien von Filzstiften werden übernommen, ebenso die eingekratzten Spuren des Negativs. Andere Bereiche werden vollkommen umgearbeitet, neue Elemente tauchen auf.

In diesem hochkomplexen Prozeß der künstlerischen Metamorphose führt jede der beschriebenen Stufen zu einem für sich stehenden Kunstwerk, ebenso wie der Prozeß bei Stufe 5 nicht an seinem natürlichen Ende angelangt ist, sondern als Basis für weitere Schöpfungen dienen kann. Je weiter die Metamorphose fortschreitet, um so mehr entfernt sich die abgebildete Persönlichkeit von ihrem Alltagswesen, umso mehr offenbart sie ihre Individualität.

In der Weise, wie diese Individualität die allgemeine Stimmung der achtziger Jahre aufnimmt, aber auch schafft, erkennen wir diese Stimmung in Evgenij Kozlovs Werken aus jener Zeit. Wir fühlen die Originalität, Spontanität und innere Freiheit ihrer Protagonisten. Wir sehen, was in dieser Klarheit möglicherweise nur Evgenij Kozlov erkannt hat. Wir werfen einen Blick in die geistigen Strömungen jener Zeit.

Die Thematisierung geistiger Strömungen ist im klassischen Sinne ein russisches Thema, und im klassischem Sinne ein Petersburger Thema. Die Einführung handelnder Personen in die bildende Kunst durch Evgenij Kozlov ist ein Novum.

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Obwohl Evgenij Kozlov wie erläutert die Fotografie ausschließlich für künstlerischen Zwecke nutzt, ergibt sich ein wichtiger Nebenaspekt. Kein anderer Zeitgenosse aus dem engeren Kreis der Leningrader Kunstszene hat die Fotografie auch nur annähert intensiv betrieben. Viele Happenings oder Kunstsituationen entstehen ausschließlich durch die Anwesenheit Evgenij Kozlovs und seiner Kamera, die sozusagen die Funktion des Publikums übernimmt. Somit nehmen die Fotografien Evgenij Kozlovs heute nicht nur in künstlerischer, sondern auch in dokumentarischer Hinsicht einen einzigartigen Platz in der Leningrader Kunstgeschichte ein.


Insgesamt existieren etwa 6000 schwarz/weiß Kleinbildnegative, von denen ca. 2200 Fotografien Bezug zur Leningrader Kunstszene im Zeitraum zwischen 1981 und 1990 haben. Darüberhinaus gibt es einige hundert Farbdias und -negative, eine kleinere Anzahl von 6 x 6 s/w Negativen und mehrere hundert Originalabzüge, viele davon übermalt.

Mit diesen Fotografien sind eine Reihe von (bearbeiteten) Fotocollagen von bis zu 350 cm Länge entstanden

Folgende Ereignisse werden gezeigt (Beispiele in Klammern)

•Konzerte (Kino, Pop Mechanika, Kolibri, Strannye Igry, im DK Mayak, DK Lenina)

•Ausstellungen privat und öffentlich (Galerie „ASSA“ von Timur Novikov, DK Sverdlova)

•Performances privat und öffentlich (Anna Karenina , Ballett Trekh Nerazlutchnikov im Klub na Tchernishevskogo)

•Treffen und Parties in Privaträumen (bei Timur Novikov, Oleg Kotelnikov, Ivan Sotnikov, Evgenij Kozlov, Georgyj Gurianov)

•Aufnahmen mit Vladislav Mamichev „Monro“, dem berühmten Künstler und Schauspieler, in der Rolle von Marilyn Monroe

•Außenaufnahmen in Parks, Straßen und Plätzen


Im Jahre 2001 wurde ein wesentlicher Teil der Fotografien von Hannelore Fobo und Igor Chadikov untersucht und historisch eingeordnet. Die Ergebnisse wurden in einer Serie von 12 Artikeln in der Petersburger Zeitschrift NaDne veröffentlicht.


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